







Sein Baujahr steht dem Haus Rungestraße 39 ins Gesicht geschrieben. 1906
entdeckt man weit oben am Giebel.
Bemerkenswert sind darüber hinaus zwei sorgfältig modellierte Putzfriese
am Erker. Sie symbolisieren die wirtschaftlichen Standbeine Wittenberges am
Beginn des 20. Jahrhunderts: die Elbschiffahrt, die Ölmühle und ein
Fabrikgebäude mit rauchendem Schlot. Die industrielle Entwicklung Wittenberges
in dieser Zeit war durch die neue Nähmaschinenfabrik der Singer Company
geprägt, die 1904 ihre Produktion aufnahm.
Das neugotische Haus zeigt sich derzeit noch in unsaniertem Zustand. Seine Instandsetzung
ist aber für 2000-2001 geplant.
An der zu einem großzügigen Platz erweiterten Kreuzung von Runge-,
Bosse-, Jahn- und Röhlstraße entstand 1905 die Bürgerschule
II mit 28 Klassen und einer Turnhalle. Der neugotische Klinkerbau trägt
seit 1928 den Namen des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn.
Die Jahnschule wurde bei strenger Trennung der Räumlichkeiten
von Jungen und Mädchen besucht. Die Kennzeichnung des Einganges für
Knaben ist noch gut lesbar, während daneben das Tor für Mädchen
seinen Schmuck eingebüßt hat.
Der 1913 von den drei Männerturnvereinen Wittenberges dem Andenken des
Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn gestiftete Brunnen entstand nach
einem Entwurf des Magdeburger Bildhauers Henschel. Modell für den Mann
mit dem Kranz stand jedoch ein Wittenberger Turner
namens Albert Baars.
1942 wurde diese Bronzefigur demontiert und für die Rüstungsindustrie
eingeschmolzen. 1996 setzte ihre Rekonstruktion ein Zeichen für den Neuanfang
im Jahnschulviertel.
Die Bürgermeister-Jahn-Straße zeigt in ihrer Häuserfront zugleich
die Probleme und die Chancen des Jahnschulviertels: Viele der Wohnhäuser
aus den Jahren 1900 bis 1904 befinden sich noch im Zustand ihrer Erbauungszeit.
Dies bedeutet
einerseits
hohen Instandsetzungbedarf und
eine völlig unzureichende Sanitärausstattung
Andererseits hat die unterlassene Instandhaltung auch Baudetails erhalten, die
anderswo längst einer falsch verstandenen Modernisierung zum Opfer gefallen
sind.
Beides zusammen beschreibt die Möglichkeiten des Jahnschulviertels: Detailgetreu
restauriert und mit modernem Wohnstandard von der Zentralheizung bis zum Komfortbad
nachgerüstet, könnte es eine ganz besondere Wohnqualität entwickeln.
Die Ausweisung als Sanierungsgebiet 1999 bietet den Hauseigentümern die
Möglichkeit, für die Wiedergeburt ihrer alten Häuser auch die
Fördertöpfe von Land und Bund zu nutzen. Erste Erfolge dieser Strategie
sind schon jetzt unübersehbar.
